Oliver Bergmeier

Die sogenannte "niedere Chirurgie" unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Halle an der Saale in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Zahnmedizin (Dr. med. dent.) vorgelegt an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
verteidigt am 26.11.2002

Abstract
Die Entwicklung der sogenannten "niederen Chirurgie" zu einer wissenschaftlichen Disziplin als eigenständiges Fach im universitären Unterricht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Stadt Halle an der Saale steht im Mittelpunkt der vorliegenden Studie.
Die Chirurgie begab sich im 18. Jahrhundert auf den Emanzipationsweg, wenngleich sich an der Trennung zwischen Medizin und Chirurgie zunächst nichts änderte. Es begann die schrittweise Loslösung des Faches aus der kontrollierten Umklammerung durch die akademische Medizin, welche die Chirurgie am Anfang des 18. Jahrhunderts noch als zweitrangiges Heilgebiet auffaßte und kontrollierte. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde die Trennung zwischen "niederer" Chirurgie und akademischer (innerer) Medizin zunehmend als Mißstand empfunden. Dies fand Ausdruck in vielen Medizinalordnungen vornehmlich in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts, die sich besonders auf eine Ausbildungsverbesserung der Chirurgen richteten. Es entstanden besondere Schulen für angehende Chirurgen. Den Schwerpunkt der Arbeit bildet die Darstellung des Heilberufsstandes der sogenannten "niederen Chirurgie", der handwerklich in Zünften organisierten Heilberufe wie der des Baders oder Wundarztes, ihrer Berufsausübung, ihres Kenntnisstandes als auch ihrer Ausbildung.
Die Gliederung der Arbeit umfasst fünf Kapitel, beginnend mit der Darstellung des Standes der "niederen Chirurgie" in handwerklicher, medizinischer als auch sozialer Sicht unter besonderer Berücksichtigung der damaligen Gesundheitspolitik in Preußen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das von Reil verfasste im Jahre 1804 in Halle verlegte Buch mit dem Titel : "Pepinieren zum Unterricht ärztlicher Routeniers als Bedürfnisse des Staates nach seiner Lage wie sie ist" widmet sich der allgemeinen medizinischen Versorgung der Bevölkerung. Um einen Einblick in die alltägliche chirurgische Praxis zu gewinnen, wird in einem kurzen Abriß als Beispiel das von W.D.Bräutigam verfasste und 1850 in Weimar veröffentlichte Werk "Practisches Hand- und Hülfsbüchlein der niederen Chirurgie für Lehrlinge und Gehülfen" vorgestellt. Da die handwerklich orientierten Chirurgen auch in Halle an Hochschulvorlesungen teilgenommen hatten, wird für diese Zeitepoche die medizinische Fakultät der Universität beschrieben.

The focus of the available studies is the development of the so-called "lower surgery" to a scientific discipline as an independent field at university-level teachings from the second half of the 18th century to the middle of the 19th century, as given by the example of the city of Halle on the river Saale. In the 18th century surgery started to emancipate even though the division between medicine and surgery did not change for the time being. Step-by-step the discipline started to free itself of the controlling grip of the academic medicine which considered surgery a second-rate field and still controlled it at the beginning of the 18th century. During the course of the 18th the division between "lower" surgery and academic (internal) medicine began being considered increasingly outrageous. This became evident in many medical guidelines during the second half of the 18th century placing particular emphasis on improved training for surgeons. Special schools for aspiring surgeons were established. The main focus of this paper is the description of curative medicine of the so-called "lower surgery", curative professions organised in craft guilds, such as the therapist, simple surgeons, their professional practice, level of their professional knowledge, as well as their training. The paper is divided into five chapters starting with a description of the "lower surgery" from a crafts, medical as well as social point of view, with special consideration for the health care system of Prussia during the second half of the 18th century and the first half of the 19th century. The book published by Reil in Halle in 1804 entitled "Pepinieren zum Unterricht aerztlicher Routeniers als Bedürfnisse des Staates nach seiner Lage wie sie ist" focuses on the general medical care of the population. In order to gain insight into the daily surgical practice a brief summary introduces the paper entitled "Practisches Hand- und Hülfsbuechlein der niederen Chirurgie fuer Lehrlinge und Gehuelfen" published by W. D. Braetigam in Weimar in 1850. Since the crafts-oriented surgeons had also attended lectures at the university in Halle the medical faculty of the university during this era is also described.

Keywords:
Wundärzte, Bader, niedere Chirurgie, 18./19. Jahrhundert, Reil, Universität Halle, Preußen, medizinische Fakultät, Chirurgenschulen, Handwerk

simple surgeons, therapist, lower surgery, 18th/19th century, Reil, University of Halle, Prussia, medical faculty, schools for surgeons, craft

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Inhaltsverzeichnis
Referat, Inhalt
1 Einleitung und Zielsetzung (1-5)
2 Vom Wundarzt, Bader und Feldscher zur Chirurgie (6-30)
3 Gesundheitspolitik in Preußen in der zweiten Hälfte des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - ärztliche und staatliche Interessenlagen im Zeichen der "Aufklärung" (31-45)
4 "Niedere Chirurgie" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (46-81)
5 "Niedere Chirurgie" in Halle - Anfänge eines chirurgischen Unterrichts an der Universität (82-110)
6 Medizinische Fakultät in Halle von 1789 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts - praxisbezogene Unterrichtsformen (111-120)
7 Zusammenfassung (121-123)
8 Quellen und Dokumente (124)
9 Literatur (125-130)
10 Anhang (131-172)
Thesen (176-181)