Jana Grimm

Zwangssterilisationen von Mädchen und Frauen während des Nationalsozialismus: Eine Analyse der Krankenakten der Universitäts-Frauenklinik Halle von 1934 bis 1945

Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Medizin (Dr. med.) vorgelegt an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
verteidigt am 31.03.2004

Abstract
Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN) trat am 01. Januar 1934 in Kraft. Damit wurde die lang diskutierte Frage der eugenischen Sterilisation zum gesetzlich verordneten Zwang.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Darstellung des alltäglichen Ablaufs der Zwangssterilisationen an der Universitäts-Frauenklinik Halle (UFK). Grundlage für die Auswertung bilden alle im vollständig erhaltenen Archiv vorhandenen Krankenakten von 1934 bis 1945.
In der UFK wurden in diesem Zeitraum insgesamt 1417 Mädchen und Frauen im Zuge des GzVeN unfruchtbar gemacht. Der größte Anteil wurde durch operativen Eingriff sterilisiert. Nur in 19 Fällen fand die Röntgenkastration Anwendung. Bei den Operationen war die Methode nach Madlener im Gegensatz zur Keilexzision das bevorzugte Verfahren. In 86 Fällen wurde gleichzeitig eine bestehende Schwangerschaft unterbrochen. Komplikationen traten bei 77 Frauen auf, davon verstarben 3 an den Folgen der Operation.
Die Patientinnen stammten zum größten Teil aus den unteren sozialen Schichten. Das Durchschnittsalter betrug 25 Jahre. Mehr als zwei Drittel waren zum Zeitpunkt des Eingriffs ledig. Das Einzugsgebiet der UFK ist mit der damaligen preußischen Provinz Sachsen vergleichbar. Die meisten Beschlüsse entschieden die Erbgesundheitsgerichte Halle, Torgau und Naumburg. Die Diagnose angeborener Schwachsinn wurde in 72%, erbliche Fallsucht in 12% und Schizophrenie in 7% der Fälle angegeben. Einen geringeren Anteil bildeten die Diagnosen erbliche Taubheit, schwere erbliche Missbildung, zirkuläres Irresein, erbliche Blindheit, erblicher Veitstanz und schwerer Alkoholismus.
Zur Verdeutlichung des erlittenen Schicksals führte die Verfasserin Interviews mit Betroffenen.

The "Act of prevention of hederopathic progeny" ("Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses") came into force on 01 January 1934. Thus, the long discussed question of eugenic sterilisation turned into statutory obligation.
The aim of this work is to describe and present the everyday course of forced sterilisation at the Gynaecological Clinic of the Martin-Luther-University Halle in the period of 1934 - 1945. The bases for this evaluation form all patient health files from 1934 till 1945, which were completely preserved in the archives.
In this period 1417 girls and women underwent an enforced sterilisation at the Gynaecological Clinic of the Martin-Luther-University. Most of them were sterilized by operative surgery and only 19 were sterilized by Roentgen castration. The operative method by Madlener was used in preference to the Keilexzision procedure. In 86 cases an existing pregnancy was interrupted. 77 women suffered postoperative complications, 3 of them died.
Most of the female patients belong to the lower social classes. 25 amounts to be their average age. More of two thirds of them were unmarried at the time of their sterilisation. The catchment area of the Gynaecological Clinic of the Martin-Luther-University is comparable with the Prussian province Saxony at that time. Most of the decisions for sterilisation came from the so called "Hereditary health courts" ("Erbgesundheitsgerichte") in Halle, Torgau and Naumburg. The diagnosis congenital mental deficiency was made in 72%, epilepsy in 12% and schizophrenia in 7% of the cases. The diagnoses congenital deafness, congenital deformity, bipolar disorder, congenital blindness, Huntington’s chorea and severe alcoholism appear to be a minor part.
To illustrate the suffering, caused because of the enforcement of this statute, the author encloses extracts of interviews with victims.

Keywords:
Zwangssterilisation, Nationalsozialismus, eugenische Indikation

forced sterilisation, National socialism, eugenic indication

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Inhaltsverzeichnis
Titelblatt, Referat, Inhaltsverzeichnis, Abkürzungs-, Abbildungs und Tabellenverzeichnis, Verzeichnis der Diagramme, Verzeichnis der Anlagen
1 Einleitung (1-3)
2 Material und Methoden (3-4)
3 Historischer Hintergrund und gesetzliche Grundlagen (4-10)
4 Der formale Ablauf des Verfahrens zur Zwangssterilisation unter Berücksichtigung amtlicher und medizinischer Strukturen in der Region Halle (10-16)
5 Die Situation an der Universitäts-Frauenklinik (16-30)
6 Sterilisationsmethoden (30-49)
7 Darstellung einzelner Schicksale und Interviews mit Überlebenden (50-61)
8 Aufarbeitung der Vergangenheit und Wiedergutmachung (61-63)
9 Diskussion (63-70)
10 Zusammenfassung (70-72)
11 Quellenverzeichnis (73-88)
12 Anlagen (89-130)
13 Thesen (131-133)