Andrea Althoff

Religion im Wandel:
Einflüsse von Ethnizität auf die religiöse Ordnung am Beispiel Guatemalas

Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doctor philosophiae (Dr. phil.) vorgelegt an der Philosophischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
verteidigt am 06.06.2005

Abstract
Die Dissertation untersucht mit Hilfe einer komparativen Herangehensweise die Rolle von ethnischen Faktoren hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Identitätsbildung von sozialen Bewegungen und Individuen. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Rolle Ethnizität im Zuge der aktuellen, religiösen Pluralisierungsprozesse wie dem Anwachsen der protestantischen Pfingst- und neopfingstlichen Kirchen, der Katholischen Charismatischen Erneuerung und der indigenen Mayabewegung in Guatemala spielt.
Zwei Entwicklungen stehen im Zentrum: die erste bezieht sich auf Ethnizität in Form von ethnischen Forderungen und steht als organisierter Ausdruck von Differenz. Religion, so lautet die These, wird im Diskurs der Mayabewegung "ethnisiert" und zu einem Bestandteil von Ethnizität, womit der religiöse Pluralisierungsprozess um einen neuen Akteur erweitert wird, der in Konkurrenz zu den christlichen Kirchen auftritt.
Eine zweite Entwicklung beschreibt die stark expandierende katholische und protestantische Pfingstbewegung aus Sicht der indigenen Bevölkerung. Die im lateinamerikanischen Vergleich höchsten Konversionsraten werfen die Frage auf, ob in dieser Dynamik ethnische und kulturelle Faktoren eine Rolle spielen oder unbedeutend sind.
Der Zusammenhang dieser Entwicklungen wird auf verschiedenen Ebenen u.a. anhand diskursanalytischer Auswertungen und der Berücksichtigung von Biographien einzelner Mitglieder überprüft. Die Ergebnisse zeigen auf der einen Seite, dass der institutionelle Diskurs einiger der untersuchten Bewegungen und ihrer Mitglieder in der Abgrenzung zu anderen Gruppen und Bewegungen verläuft, aber gerade über die mit Abgrenzung verbundenen Fremd- und Selbstzuschreibungen eine Verbindung besteht. So kommt es, dass religiöse und ethnische Diskurse sozialer Bewegungen nicht selten zu einer Verfestigung der ethnischen Antagonismen in Guatemala beitragen. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass ethnische auf Abgrenzung bedachte Identitätspolitiken für die indigenen und katholischen Pfingstler keine Bedeutung besitzen, kulturelle Faktoren in der Gemeindeorganisation aber trotzdem zentral sind. Sie integrieren oft traditionelle Erfahrungen, die der Bewältigung des Alltags und existentieller Krisen dienen. So können trotz der ursprünglich ausländischen Herkunft der protestantischen und katholischen Pfingstbewegung traditionelle religiöse Praktiken und Weltanschauungen erhalten werden. Dazu trägt nicht zuletzt die Distanz dieser Gruppen zum nationalen Kontext bei, weil sie sich autonom von nicht-indigenen zivilgesellschaftlichen Gruppen etablieren konnten und so zu Nischen in einer von politischer Gewalt gekennzeichneten Gesellschaft wurden.

The dissertation analyses the role of ethnic factors in the identity construction of social movements and individuals using a comparative approach. The main research question is which role ethnicity plays in the contemporary process of religious pluralism such as in the growth of the protestant neopentecostal and pentecostal movement, the catholic charismatic renewal and the indigenous Mayan movement in Guatemala.
Two developments are taken into consideration: The first is concerned with ethnicity in the form of ethnic demands and as an expression of organised social difference. The hypothesis is that religion is being "ethnicised" within the discourse of the Mayan movement and has become part of ethnicity. The Mayan movement is therefore not only an ethnic but also a new religious actor in competition with Christian churches.
The second development is the expanding catholic and pentcostal movement considered from the perspective of the indigenous population. The fact that Guatemala has the highest conversion rate in comparison to other Latin American states raises the question as to whether ethnic and cultural factors play a significant role in this dynamic or not.
The relationship between the two developments is examined on different levels through, for example, discourse analyses and examination of the biographies of individual group members. The results show on one hand that the institutional discourse of some of the movements analysed exists mainly in the dissociation from other groups and movements, but, on the other hand, that precisely through external and self ascription through dissociation a relatedness exists.
So it occurs that religious and ethnic discourses of social movements often contribute to ethnic antagonism in Guatemala. On the other hand it becomes clear that the boundary constructions of ethnic and identity politics are not significant for indigenous catholic and protestant pentecostals. Nevertheless cultural factors are central in the organisation of religious communities which often integrate traditional experiences in order to help overcome difficulties in daily life and during existential crises. Thus, despite the foreign origins of the protestant and catholic pentecostal movements, traditional religious practices and world views are able to be maintained. The independence of these groups from the national context also contributes to this as they have been able to establish themselves separately from other nonindigenous civil society groups, providing niches in a society marked by political violence.

Keywords:
Religion, Ethnizität, Guatemala, Identität, Religiöse Pluralisierung, Soziale Bewegungen, Ethnische Bewegung, Mayabewegung, Religiöse Bewegungen, Protestantismus, Pfingstbewegung, Neopfingstliche Bewegung, Katholizismus, Katholische Charismatische Erneuerung, Zivilgesellschaft

religion, ethnicity, Guatemala, identity, religious pluralism, social movement, ethnic movement, Mayan movement, religious movement, Protestanism, pentecostal movement, neopentecostal movement, Catholicism, catholic charismatic renewal, civil society

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Inhaltsverzeichnis
Titelblatt, Inhaltsverzeichnis (2,I-VI)
Einleitung (1-12)
Erster Teil: Methodische und theoretische Grundlagen (13-76)
Zweiter Teil: Die religiöse Ordnung: Katholizismus (77-153)
Dritter Teil: Die religiöse Ordnung in Guatemala: Die Mayabewegung (154-252)
Vierter Teil: Die religiöse Ordnung: Protestantismus (253-315)
Fünfter Teil: Religion im Wandel: Fazit und vergleichende Bezugnahme (316-348)
Literatur (349-379)
Glossar (380-384)
Abkürzungen (385-389)
Interviews und Gespräche (390-400)